Hanoi, Hauptstadt im Norden, und Saigon, oder Ho Chi Minh City, im Süden ungefähr 180 km vom Mekong Delta entfernt gelegen, bilden die zentralen Gebiete für eine stetige Öffnung des kommunistischen Vietnam. Beide Teile des Landes wurden nach dem Abzug der Amerikaner ab 1975 wiedervereinigt.
Hanoi und Ho Chi Minh Stadt repräsentieren heute sowohl die steigende wirtschaftliche Potenz dieses Landes wie auch eine besondere Vergangenheitsbewältigung ihrer jüngeren, ereignisreichen Geschichte, nämlich die Auseinandersetzung mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und dann speziell den siegreichen Krieg gegen Amerika. Seit den 90er Jahren des 20. Jh. erlaubt die Regierung den Aufbau privater Unternehmen. Im Stadtbild von Hanoi und Saigon fallen die Nobelkarossen östlicher und westlicher Provenienz, sehr oft auch jene aus Deutschland, auf.

Im unvorstellbaren Gewusel des Verkehrs sind allerdings die Motorräder und Mopeds als Fortbewegungsmittel und extreme Lastenträger des „Kleinen Mannes“ bestimmend. In Hanoi liegt deren Zahl bei über 3 Millionen. D.h. fast jeder zweite Einwohner besitzt ein solches Gefährt. Ähnliches gilt für Saigon. Für westliche Besucher ist dies überraschend, da auf einem Motorrad auch die ganze Familie - Vater, Mutter und zusätzlich ein oder zwei (Klein-) Kinder - Platz findet. Es scheint kaum Verkehrsregeln zu geben, besonders nicht in den täglichen Rushhours. Zudem hat Hanoi nur sehr wenige Ampelanlagen - und deshalb ist die Zahl der Unfälle in beiden Städten nicht gerade klein.
Hand in Hand mit der stetigen Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft fördert die Regierung zugleich den Ausbau des international ausgerichteten Tourismus. Maßgeschneiderte Programme für unterschiedliche Gruppen werden angeboten. Im brodelnden Hexenkessel des Verkehrs ist für westliche Individualbesucher am bequemsten und informativsten eine Tour mit dem Elektrotaxi, das entsprechend bis zu 4 oder 6 Personen befördern kann. Geräuschlos und zielstrebig bewegt es sich durch das laute und quirlige Treiben der zuweilen engen Straßen und Gassen. Ein interessanter und dennoch merkwürdiger Gegensatz!
Allgemein fällt immer wieder die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Vietnamesen auf. Obwohl sie sehr geschäftstüchtig sind, geschieht das aber nur äußerst selten in einer für den Touristen aufdringlichen Weise. „Leben und leben lassen“ scheint das allgemeine Motto der dort agierenden Menschen zu sein. Dennoch - und das haben auch Gespräche mit im Ausland lebenden Vietnamesen bestätigt - existieren selbst innerhalb ein und derselben Familie unterschiedlich kritische Haltungen gegenüber der Regierung und den von ihr Begünstigten.
Vietnam hat in der Auseinandersetzung mit den ausländischen Mächten, besonders aber mit den Vereinigten Staaten, unendlich gelitten. Der Blutzoll des Volkes insgesamt war extrem hoch, besonders auch deshalb, weil es - während der „amerikanischen Phase“ im Süden - ideologisch aufs Äußerste gespalten war. Vom Norden Vietnams ging damals das eigentliche Zurückdrängen des Einflusses der amerikanischen Besetzer aus, bis schließlich die Statthalter innerhalb des Präsidentenpalastes in Saigon durch Panzer der Vietcong zum Aufgeben gezwungen wurden und die Weltmacht Amerika Hals über Kopf aus Vietnam abziehen musste.
Es ist durchaus verständlich und sicherlich auch folgerichtig, dass diese einmaligen Vorgänge, bei denen eine bis dato als „unbesiegbar“ geltende Weltmacht zum Aufgeben gezwungen wurde, durch die folgenden Regierungen entsprechend aufbereitet wurden. Das ist in gewisser Hinsicht einmal mit einem monumentalen Mausoleum für Ho Chi Minh auf einem riesigen Gelände in Hanoi und weiterhin durch zwei Kriegsmuseen, ebenfalls in Hanoi aber auch in Saigon, geschehen. Die Besucher sind nicht nur zahlreiche Schulklassen, bei denen man vielleicht einen gewissen Druck durch die Behörden auf die Lehrer vermuten könnte.
Interessanterweise fallen dem Touristen bei den Besichtigungen auch sehr viele junge und natürlich auch ältere Familien mit ihren Kindern auf. Die Aufarbeitung der Vergangenheit vollzieht sich hier an den ausgestellten originalen Gegenständen der damaligen Zeit, sozusagen - wie wir hörten - als Beweis für bereits intern geführte Gespräche oder aber als erster Anstoß dazu. Jedoch ist die Darbietungsweise in den beiden Museen sehr unterschiedlich.
Das Kriegsmuseum in Hanoi, in unmittelbarer Nähe zum Ho Chi Minh Mausoleum, ist ein stattlicher, repräsentativer Bau mit ausladenden Eingangsstufen. Im Inneren befinden sich auf zwei Stockwerken riesige Ebenen, die durch eine großzügige Treppenflucht miteinander verbunden sind. Hinaufsteigend fällt schließlich der Blick auf eine überdimensionale Darstellung Ho Chi Minhs, welche - auf der Rückseite erhöht angebracht - das gesamte Halbrund des Raumes atmosphärisch ausfüllt. Diesen kann der Besucher betreten und sich dem großen Strategen nähern.
Um aber die eigentliche Museumsebene zu erreichen, muss der Gast wieder ein paar Schritte zurückgehen und sich dann, nach rechts wendend, über einige Stufen nach oben zum eigentlichen Anfang der Ausstellung bewegen. Das ist architektonisch geschickt gemacht, weil dadurch indirekt die Bedeutung Ho Chi Minhs zweifach verstärkt wird: Gleich am Anfang ist der große Feldherr und Regierungschef als wichtigstes Ziel durch die vorgegebene Weg-Richtung für alle Ankommenden wie auch durch die Exklusivität des ihn umgebenden Raumes von Anfang an in den Mittelpunkt gestellt. Folgerichtig beginnt die Ausstellung selbst nicht auf derselben Höhe, sondern ist leicht nach oben hin verschoben.
Die wichtigste, obere Ebene der Ausstellung ist ‚offen‘ angelegt, d.h. der Besucher kann sie anfangs nahezu als Gesamtheit überblicken. Damit ist die in Museen oft anzutreffende Raumabfolge hier aufgehoben. Eher inselartig sind die einzelnen Themenbereiche angeordnet. Zugleich ergeben sich aber für den Besucher immer wieder interessante Durchblicke auf bereits beschrittene oder noch kommende Sektionen. Dadurch wird eine indirekte Verbindung zwischen den einzelnen Inseln hergestellt und zugleich eine zusätzliche Spannung aufgebaut. Der individuelle Bereich bietet somit dem Gast eine gewollte Mehrdimensionalität.
Im Kriegsmuseum von Hanoi bilden neben den Realien künstlerisch gestaltete Elemente eine bedeutende Rolle. Es ist unseres Erachtens der geglückte Versuch, eine Synthese von individuell angeordneten Museums- bzw. Lebensinhalten und äußerer baulicher Gestaltung zu schaffen unter dem Leitgedanken: Bei den damals herrschenden Bedingungen kann das vietnamesische Volk auf das Erreichte sehr stolz sein. Es tut dieser positiven Gesamteinschätzung überhaupt keinen Abbruch, wenn noch angemerkt wird, dass an einigen wenigen Stellen - wenigstens für westliche Augen - das Kolossale leider zu stark aufgetragen ist.
Bei gleichem Leitgedanken bietet das Kriegsmuseum in Saigon ein wesentlich anderes Bild. Das fängt schon beim Gebäude an. Es könnte ein aus der Not geborener, schneller Umbau eines größeren, mehrstöckigen Bürokomplexes mit einer Vielzahl von in sich abgeschlossenen Räumen sein. Inhaltlich gesehen, steht der harte dokumentarische Charakter der damaligen Zeit im Vordergrund. Und dieser hat es wahrlich in sich! Erhellend werden Textpassagen führender Politiker Amerikas und Menschenrechtstexte kontrastiert mit zum Teil großformatigen Fotografien von Kriegsreportern in vorderster Front. Aber auch das still ertragene, unendliche Leid von Frauen auf dem Lande hält den Betrachter in Atem.
In beiden Fällen spiegeln die Kriegsmuseen in Hanoi und Ho Chi Minh Stadt - jedes auf seine Art - keineswegs ein überzogenes Propagandabild, hier z.B. gegen Amerika, wider. Es ist vielmehr eine klare Bestandsaufnahme. Es gab eben Aggressoren und Verteidiger. Dass letztere bei der Wahl ihrer Mittel auch nicht kleinlich waren, brachte der Krieg mit sich. Jeder Krieg tut das. Leider. Wir wissen es ja schon seit Jahrhunderten: Im Krieg schweigen die Musen.
http://www.european-news-agency.de/kuns ... men-57009/