Kritische Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge über die Politik der Anlagefonds, wie sie nach der Jahrtausendwende
erschienen und die Mietzinspolitik und Kreditvergabe solcher Fonds anprangerten, brachten Rolf ins Grübeln
und öffneten sein an sich rechtschaffenes Wesen für eine kritische Haltung gegenüber seinem Arbeitsplatz.
Als sein Chef, ein Banker nach alter Schule, pensioniert und durch eine junge, dynamische Universitätsabgängerin
ersetzt wurde, wurde ihm die Bank fremder und fremder, und mit der Zeit wandelte sich seine Loyalität in einen
leisen und nicht ausgesprochenen Groll, und als er durch Zufall auf einen verschlungenen Buchungsmöglichkeit
stiess, mit dem er die Bruchteile von Rappen, welche in seiner Obhut warteten, auf ein separates, unpersönliches
Konto überweisen konnte, machte er das ohne Skrupel. Von diesem Konto überwies er die Beträge einmal pro Woche
auf eine namenlose Cashcard. Diese leerte er jeweils samstagsabends an immer wechselnde Geldautomaten,
wenn er seinen Männerabend hatte und seine Frau ihre Schwestern und Freundinnen auf dem Land besuchte.
Das Geld gab er vorerst aus, indem er seinen Lebensstandard leicht anhob: etwas grosszügigere Runden am
Männerabend, ein Schal aus reiner Seide aus dem Spezialgeschäft für die Frau, die neueste Technologie beim
Ersatz eines Fernsehers, der eigentlich noch ganz gute Dienste tat, ein Originalbild über dem Sofa.
Ich hörte Rolf zu, hätte ihn aber gerne gegen die junge Frau am Geldautomaten eingetauscht.
