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Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:02
von Michaleo
2011 hielt ich mich einige Tage in Khon Kaen auf, aber es hat mir nicht so gefallen.

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Ich fand diese Stadt ein bisschen schräg...

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...und architektonisch umstritten.
OK, ich will ja nicht ungerecht sein.

Auch in Bern haben wir unsere Bausünden, es seien nur die Monbijoubrücke, das Bubenbergzentrum oder die Sprayereien an der Reithalle erwähnt,
aber eine solche Bauruine im Zentrum?

Zum Glück nicht.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:03
von Michaleo
Daher zog ich es vor, mich in Khon Kaen dem Microbiotop zu widmen.

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In der Eric's Bar genehmige ich mir in Ruhe ein Bierchen...

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...und erhole mich optisch vom Anblick der hässlichen Gebäude.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:04
von Michaleo
In der Architektur wie auch im persönlichen Leben ist es wichtig, die Fassade zu bewahren...

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denn - Stichwort Bausünde - der erste Eindruck bleibt.

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Es war noch am frühen Abend, und trotz attraktivem Gegenüber begab ich mich nochmals auf die Waltz und setzte mich einige Strassen weiter
in die "Chilled- Bar" auf die Terasse, da rief mich meine Frau an und ich konnte einige Worte mit meinem Töchterlein auf Berndeutsch wechseln.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:06
von Michaleo
Ein Mann an einem Nachbartisch, den ich gar nicht bemerkt hatte, sprach mich auf meinen Dialekt an.
Ich spreche Berndeutsch mit einem französischen R, warum, weiss ich auch nicht so genau. Ich halte mich im Ausland gerne bedeckt,
wenn die Sprache auf meinen Wohnort kommt, denn die Schweizer meinen oft, sie müssen ganz langsam sprechen,
wenn sie einen Berner kennenlernen.

Er eröffnete mir, dass er aus Sankt Gallen sei, und ich nahm das ohne grosser Begeisterungsausbruch zur Kenntnis.

Er hiess Rolf und es interessierte ihn nicht, wo ich wohne, sondern stellte mir bald eine für ihn brennende Frage.
„Weißt Du, wie es ist, wenn Dein Vorgesetzter eine Frau ist?“ fragte er mich.

Ich meine das zu wissen.

Eine Frau als Vorgesetzte zu haben hat den grossen Vorteil, dass sie nie
unverhofft neben mir am Pissoir steht und ein berufliches Gespräch beginnt.

„Nein,“ log ich höflich, fasste aber in meinem Kopf unwillkürlich meine Erfahrungen mit weiblichen Vorgesetzten zusammen.

Vorgesetzte Frauen sind in der Regel viel schneller als ihre männliche Kollegen, sie sind blitzgescheit und bestens ausgebildet.
Problemsituationen beleuchten sie vorzugsweise formaljuristisch, betrachten sie als Herausforderung
und lieben das Spiel mit möglichen Varianten, von denen sie dann in der Regel die Komplexeste bevorzugen.
Diesen Entscheid verfolgen sie mit grosser Beharrlichkeit, ohne Rücksicht auf die Meinungen ihrer Mitarbeitenden.

Weibliche Vorgesetzte denken meistens materialistisch und blenden menschliche Komponenten aus.
Einen gefällten Entscheid machen sie niemals rückgängig, weil sie befürchten, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Sie haben ein intimes Verhältnis zur Macht, und das mag mit ein Grund sein, weshalb sie in leitender Position
diese mit allen Mitteln verteidigen: bei der Durchsetzung ihrer Interessen sind sie in der Wortwahl nicht zimperlich,
und wenn es um die Ergreifung von Massnahmen geht, werden diese ohne grossem Aufheben knallhart und gefühllos umgesetzt.

„Es ist der Untergang,“ flüsterte er und näherte seinen Kopf meinen, „eine Frau als Chefin ist das Ende.“

Ich antwortete, dass das doch nicht ganz so schlimm sein könne, und erkundigte mich nach
dem Grund seiner Meinung. Das hätte ich vielleicht lieber sein sollen, aber der Abend war
schwül und das Bier war kühl, also was soll’s, dachte ich, und liess seine Stimme plätschern.

Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:07
von Michaleo
Er ist Bankkaufmann gewesen, erzählte er, über 25 Jahren im Backoffice angestellt bei einer
der grossen Schweizer Banken – nicht jene mit drei, sondern jene mit zwei Buchstaben
im Namen. Er war zuständig für Zahlungen, die aus dem Ausland eintrafen, er musste sie
auf ein Konto von einem sehr grossen Anlagefonds seiner Bank umbuchen. Aufgrund der Währungsunterschiede
fielen dabei Bruchteile von Rappen an, welche nicht umgebucht werden konnten und auf einem Zwischenkonto
warteten, bis sich ein bestimmter Betrag angehäuft hatte, der dann der Bank gutgeschrieben wurde.
Diese Gutschrift wurde im Rahmen der Qualitätssicherung kontrolliert - was vorher geschah, hingegen nicht.

Seine Frau, die er während der Ausbildung kennengelernt hatte, arbeitete gleichenorts im Schalterdienst.
Die Ehe ist kinderlos geblieben, und sie haben es sich gemütlich eingerichtet, eine Eigentumswohnung
mit Hilfe einer Hypothek des Arbeitgebers, zwei Mal jährliche Ferien, der Sommer in Rimini, der Winter in der Lenk
– und alles, alles war gut.

Ich hörte Rolf gelangweilt zu und dachte unwillkürlich an einen Geldautomaten,
den ich am Vormittag mit einer hübschen Bankkundin fotografiert hatte.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:08
von Michaleo
Kritische Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge über die Politik der Anlagefonds, wie sie nach der Jahrtausendwende
erschienen und die Mietzinspolitik und Kreditvergabe solcher Fonds anprangerten, brachten Rolf ins Grübeln
und öffneten sein an sich rechtschaffenes Wesen für eine kritische Haltung gegenüber seinem Arbeitsplatz.
Als sein Chef, ein Banker nach alter Schule, pensioniert und durch eine junge, dynamische Universitätsabgängerin
ersetzt wurde, wurde ihm die Bank fremder und fremder, und mit der Zeit wandelte sich seine Loyalität in einen
leisen und nicht ausgesprochenen Groll, und als er durch Zufall auf einen verschlungenen Buchungsmöglichkeit
stiess, mit dem er die Bruchteile von Rappen, welche in seiner Obhut warteten, auf ein separates, unpersönliches
Konto überweisen konnte, machte er das ohne Skrupel. Von diesem Konto überwies er die Beträge einmal pro Woche
auf eine namenlose Cashcard. Diese leerte er jeweils samstagsabends an immer wechselnde Geldautomaten,
wenn er seinen Männerabend hatte und seine Frau ihre Schwestern und Freundinnen auf dem Land besuchte.

Das Geld gab er vorerst aus, indem er seinen Lebensstandard leicht anhob: etwas grosszügigere Runden am
Männerabend, ein Schal aus reiner Seide aus dem Spezialgeschäft für die Frau, die neueste Technologie beim
Ersatz eines Fernsehers, der eigentlich noch ganz gute Dienste tat, ein Originalbild über dem Sofa.

Ich hörte Rolf zu, hätte ihn aber gerne gegen die junge Frau am Geldautomaten eingetauscht.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:09
von Michaleo
Aber er sprach weiter.

Nach einem Kegelabend mit seinen Jahrgänger lernte er auf der Strasse eine gutaussehende junge Frau aus Kamerun kennen.

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Sie fragte ihn, ob er ihr schnell behilflich sein könne mit einem Brief, den sie nicht verstand, und er kam
zu ihr in ihre Wohnung, die sie mit anderen Kolleginnen teilte, sie tranken ein Bier zusammen und der Brief
stellte sich als letzte Mahnung einer Telefonrechnung heraus, die unverschämt hoch und vor allem unbezahlbar war.

Für sie.

Für ihn nicht, dabei war sie wirklich sehr nett und zärtlich zu ihm und ihr typisch afrikanisches, leidenschaftliches
Wesen erweckte in ihn einen seit langem eingeschlafenen, natürlichen Trieb. Einmal ist kein Mal, aus dem
Männerabend wurde regelmässige Besuche und er war froh, dass er über den kleinen, aber feinen Zusatzeinkommen
in der Bank verfügte. Dieser aber überstieg aufgrund sehr wechselnder Wechselkurse bald einmal die Höhe seines
legitimen Einkommens.

Die nette junge Frau aus Kamerun musste eines Tages aufgrund eines ungeheuer gefühllosen Entscheids
des Migrationsamtes zurück in ihre Heimat kehren. Rolf fühlte sich einsam und studierte die Kontaktanzeigen
eines Gratiszeitung, und entschied sich, eine wirklich süsse, junge Frau aus Thailand anzurufen um sie kennenzulernen.

Das verstehe ich gut.
Gerne hätte auch ich mit ihr ein Bierchen getrunken.

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Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:11
von Michaleo
Im Büro ging es Rolf nicht gut.

Seine neue Vorgesetzte organisierte den Betrieb neu und setzte Regelungen ausser Kraft.
Aus einer flachen Hierarchie wurden kleinere Untergruppen gebildet, junge Kollegen und vor allem Kolleginnen
von Rolf konnten profitieren und Leitungsverantwortung übernehmen. Es wurden halbjährliche Mitarbeitergespräche
eingeführt, aber jene von Rolf wurden mehrmals verschoben. Das EDV- System wurde erneuert, aber nicht verbessert,
das Zeiterfassungssystem wurde auf ein Dezimalsystem und die Grossraumbüroeinheiten von fünf auf sieben umgestellt.

Rolf litt zunehmend unter Blähungen und Durchfall und musste Feuchttücher und Salbe mit auf die Toilette nehmen,
um seine schmerzhaften Hämoroiden zu pflegen. Dass er oft mit einem Täschchen auf die Toilette verschwand,
wurde von seinen jungen Kolleginnen sehr wohl bemerkt und sie tuschelten und witzelten hinter seinem Rücken,
was er kränkend verspürte.

Wie erfrischend wirkte hingegen seine neue Bekanntschaft mit Noy, dem bescheidenen Mädchen aus Thailand.

Sie hörte ihm liebevoll zu, kochte ihm astringierenden Tee aus einer exotischem Wurzel und wenn er darum bat,
machte sie ihm ein wunderbares Massage, das seine Kränkungen linderte und seine Männlichkeit bestätigte.
Auch Noy hatte grosse Schwierigkeiten, und Rolf freute sich, dass er ihr bei der Lösung ihrer finanziellen Probleme
behilflich sein konnte. Von seiner Frau hingegen entfremdete er sich zusehends.

Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:13
von Michaleo
"Weisst Du, wie das ist: eines Morgens kommst Du an Deinen Arbeitsplatz - und Deine Chefin und ein fremder Herr
schauen angestrengt in Deinen Bildschirm?" "Nicht wirklich," antwortete ich freundlich, aber abwesend.

"Sie wissen wohl, warum wir hier sind," habe der fremde Herr zu ihm gesagt, und er habe nur kurz geantwortet:
"Ja." Der verachtende Blick seiner Vorgesetzten werde er nie vergessen.

Sie war es denn auch, die alles noch schlimmer machte. Schlimm genug, dass er sein Arbeitsplatz sofort räumen musste,
dass eine Rückerstattungsvereinbarung in der Höhe einer Viertelmillion unterschreiben musste, und dass seine Rente
bis auf das soziale Existenzminimum gekürzt wurde. Die grösste Kränkung aber für ihn war, dass die Chefin seine Frau
informierte, bevor Rolf es ihr sagen konnte.

Als er mir das erzählte, stand ihm das Wasser in den Augen.
"Es war das Ende," schluchzte er, "und sie war schuld".
Mit "sie" meint er seine Chefin.
Seinen Gefühle konnte ich folgen, seiner Logik hingegen nicht.

"Ich muss mal," sagte ich, und machte der Kellnerin ein Zeichen, dass ich zahlen will.
Aber Rolf liess nicht locker und wollte seine Geschichte fertig erzählen. Er fand einen guten Anwalt, der nachweisen
konnte, dass Rolf durch seine neue Vorgesetzte gemobbt worden war und die Veruntreuung quasi eine direkte Folge
der schlechten Stimmung im Team ihm gegenüber war. Die Gefängnisstrafe wurde aufgrund seiner gezeigten Reue
und der Rückerstattungsvereinbarung auf Bewährung ausgesprochen. Die Hypothek für die Eigentumswohnung wurde
von der Bank gekündigt und seine Frau reichte die Scheidung ein. Rolf musste aufs Arbeitsamt gehen, hatte natürlich
keine Chance mehr, angestellt zu werden, und zwei harte Jahre später konnte er die vorbezogene AHV beantragen,
welche zusammen mit der kleinen Rente zwar ein karges, aber doch genügend Einkommen ergab, um nach Thailand auszuwandern.

Vorzeitig gealtert, resigniert und gekränkt, aber mit der Weisheit eines Mannes, der nicht mehr tiefer fallen kann,
lebte er nun mit einer thailändischen Frau, die in einem grösseren Einkaufszentrum an der Kasse arbeitete, zusammen
und gab sich mit einer kleinen Welt zufrieden.

Re: Khon Kaen - eine Bankergeschichte

Verfasst: So 20. Okt 2013, 10:14
von Michaleo
Ich zahlte sein und mein Bier, wünschte ihm weiterhin alles Gute und spazierte ein bisschen weiter.
Irgendwie, so sinnierte ich, bin ich froh, nicht in einer Bank zu arbeiten, das gibt nur Aerger.

In einem kleinen Park fand ich eine romantische Beleuchtung...

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... und nebenan liefen nebeneinander zwei Filme gleichzeitig.

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Ich schaute eine Weile zu, bis ich wieder Lust auf ein Bier verspürte, das ich darauf in der Bling Bar trank.

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Es war ein schöner, heisser Aprilabend. Ich spazierte gemütlich nach hause, blieb hier oder da stehen,
und stand bald vor meinem Hotel.

Müde, aber durchaus zufrieden mit meinem bescheidenen Leben, schlief ich ein.